20.11.2025
Besinnungswort zum 22.11.2025
von Almut Ehrhardt
Was braucht es, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig zu werden? Wie geht das: Weiterleben ohne ihn, ohne sie? Wie kommt man klar mit dem Vermissen, mit dem Schmerz? Auf diese Fragen hat uns niemand vorbereitet – weder kann man das in der Schule lernen, noch eine Fortbildung dazu besuchen. Die »Schule des Lebens« ist hier gefragt. Jede und jeder von uns wird mit Trauer konfrontiert und wir suchen Antworten auf die Frage, wie wir damit fertig werden können. Wie können wir weiterleben ohne den Menschen, der uns viel bedeutete und nun nicht mehr ist. Viele unter Ihnen haben sicherlich schon erste Antworten gefunden – erfühlt und erlebt. Sie haben vor wenigen Wochen und Monaten, oder auch vor vielen Jahren schon einen Menschen verloren, der Ihnen viel bedeutete. Manchmal können wir letzte Wünsche erfüllen, uns verabschieden und den letzten Weg des Verstorbenen begleiten. Manchmal ist das nicht möglich, wenn der Tod einen Menschen plötzlich aus dem Leben reißt.In der ersten Zeit nach einer Trauerfeier gibt es dann große Aufgaben zu bewältigen: amtliche Briefe beantworten, Formulare ausfüllen, die »bürokratische Seite« des Todes. Manch eine,manch einer von Ihnen hat die Wohnung der Eltern ausgeräumt – oder dabei mitgeholfen. Sie hatten sicher so manches Stück in der Hand – so manche Tasse, so manches Foto, bei dem Sie sich gefragt haben: Wohin damit? Ist es ein Erinnerungsstück, das in der Familie bleiben soll? Kommt es in meinen Haushalt? Kann die Tochter es gebrauchen? Oder der Sohn, der gerade die erste eigene Wohnung bezieht? Was geschieht mit all den Büchern? Was geschieht mit der Kleidung in den Schränken? Und erst recht mit den Sachen, die schon sehr »abgelebt sind« – die Tassen mit Sprung, die abgelatschten Teppiche? Alles weg? So viele Entscheidungen sind dabei zu treffen – so viel ist zu organisieren. Von manchem muss man sich trennen – und das fällt oftschwer. Über einiges freut man sich weil es eine schöne Erinnerung an den verstorbenen Menschen ist. Einige Dinge finden vielleicht auch erst einmal ein provisorisches Zuhause –werden irgendwo untergestellt, bis die endgültige Entscheidung gefallen ist. Wer es geschafft hat, hat eine große Leistung vollbracht. Er hat nicht nur viele Dinge aus dem Leben des Verstorbenen in die Hand genommen – er hat auch Erinnerungen wachwerden lassen und vielen Dingen einen guten neuen Platz gegeben. Daneben steht noch eine weitere Leistung, die Sie als Menschen in Trauer vollbringen. Auch für unsere Seele ist der Umgang mit einem Verlust Schwerstarbeit. Der Verlust eines nahe stehenden Menschen zwingt uns, uns neu auszurichten. Die gemeinsame Welt ist zerbrochen. Der Tod legt einen Schatten über alles, was zuvor war. Häufig stirbt mit dem geliebten Angehörigen auch ein Teil von uns – so empfinden wir das. Darum ist Trauern richtige Arbeit. Genauso wie »Wohnung räumen« und Tassen, Fotoalben und Vasen einen neuen Ort zu geben, müssen auch Erinnerungen, geteilte Rituale und viele Aspekte unserer eigenen Persönlichkeit einen neuen Platz finden. Trauern heißt: Unsere Seele muss sich neu sortieren. Ganze »Seelenräume« müssen gesichtet und genau angeschaut werden. Wer bin ich ohne meine Partnerin oder meinen Partner? Was mache ich jetzt, wo ich alleine bin? Wie gehe ich mit der Zeit um, die wir früher immer gemeinsam verbracht haben? Am Anfang erscheint das alles wie ein riesiger Berg, der vor einem liegt. Denn es geht ja um nichts weniger, als das gesamte Leben »umzukrempeln«. Ich glaube, ganz tief in Ihrer Seele wissen Sie, was Ihnen hilft – und wen oder was Sie brauchen, um ihre Trauerarbeit zu bewältigen. Das Zusammensein in der Familie? Das Aufsuchen vertrauter Orte? Gespräche, in denen man sich gemeinsam an ihn oder sie erinnern kann? Momente von Lachen? Von Heiterkeit? Oder einfach jemand, der auch nach dem zehnten Mal immer noch versteht, wie sehr man ihn oder sie vermisst? Bei alledem bleibt das Trauern eine richtige Aufgabe! Eine Mammutaufgabe für die Seele. Eine »Schule des Lebens«, die wir uns nicht gewünscht haben. Viele »erste Male« stehen Ihnen noch bevor: Der Jahrestag, Weihnachten, Geburtstag. Immer wieder wird es Stiche im Herzen geben und das Realisieren – das jetzt auch noch ohne die vertraute Person. Das alles braucht seine Zeit – seine Tränen – seinen Ort! Der Mensch, den wir verloren haben, muss einen neuen Platz finden in unserem Leben. Und vielleicht öffnen sich nach und nach wieder Seelenräume, die man verloren geglaubt hat. Vielleicht überkommt einen einmal aus heiterem Himmel eine große Freude – die Freude, dass es diese Person – die wir so schmerzlich vermissen – überhaupt gegeben hat. Dass da ein Stück Leben war, das uns niemand wegnehmen kann. Auch der Tod nicht. Vielleicht hilft Ihnen auch der Glaube: Unsere Verstorbenen sind bei Gott gut aufgehoben. Und auch wir sind gut aufgehoben in Gottes Hand und dürfen uns geborgen wissen. Daran können wir Gott erinnern. Mit Gebeten, Seufzern und Träumen.