19.08.2022
Besinnungswort zum 21.08.2022

Von Almut Ehrhardt

Almut Ehrhardt

Es gibt Bibelsprüche, die kenne und mag ich, die fallen mir ein ohne lange nachzudenken. Aber es gibt natürlich viele Verse, die ich nicht kenne und die mir dann nicht aus dem Kopf gehen, weil ich darüber nachdenken muss. Zu letzteren gehört das Psalmwort: „Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen“ (Ps.5, 6). Die Ruhmredigen, das Wort kannte ich vorher nicht. Wer sind diese
Menschen? Ich habe lange überlegt. Ich denke, es sind die Menschen, die durch ihre Reden mehr sein oder scheinen wollen, als sie wirklich sind, Menschen, die sich selbst rühmen. Es ist wohl eine
Spezies, die nicht aussterben wird. Im Kölner Dom gibt es ein Kirchenfenster, welches den hochmütigen Pharisäer („Ich danke dir, dass ich nicht bin wie … dieser sündige Zöllner“) und den
sündigen Zöllner („Gott, sei mir Sünder gnädig“) zeigt. Diese Geschichte aus dem Lukasevangelium macht den Unterschied zwischen dem Ruhmredigen und dem Demütigen deutlich.
Die Menschen hören den Ruhmredigen gerne zu. Ich erinnere mich noch an einen Mann, der in den Jahren 1989-1990 hier in Südthüringen herumreiste. Er sagte, er sei Wissenschaftler und komme aus Finnland. Er hielt Vorträge, und er hatte immer viele Zuhörer. Er schenkte den Menschen in der schwierigen Zeit des politischen Umbruches Hoffnung, aber die bittere Enttäuschung kam schnell. Er wurde als Hochstapler entlarvt und verhaftet. Oder kennen Sie die Geschichte von Gert Postel? Er war gelernter Postbote. Aber mit gefälschten Dokumenten gelang es ihm mehrmals, eine Anstellung als Psychiater zu bekommen. Ihm wurde sogar eine Professur angeboten. Er hielt sogar bei der Bewerbung um eine Oberarztstelle einen Vortrag mit dem bezeichnenden Titel: „Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung“. 1999 wurde auch er verhaftet und zu vier Jahren Haft verurteilt. Warum faszinieren uns Hochstaplergeschichten? Sie halten uns einen Spiegel vor: Nur zu gern wollen wir uns ein (ganz kleines) bisschen besser machen als wir sind. Und es ehrt uns doch, wenn uns die Menschen zuhören, wenn wir zu Vorträgen eingeladen werden, wenn wir zu offiziellen Anlässen begrüßt werden mit den Worten: „Wir freuen uns heute unter unseren Gästen XYZ begrüßen zu dürfen!“ Was hindert uns Menschen daran, uns den anderen zu zeigen, wie wir wirklich sind? Ist es die Angst, nicht wahrgenommen zu werden oder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken? Es gibt einen, der nimmt uns wahr, egal wie „wichtig“ wir in dieser Welt sind, wir sind alle ins Lebens-Buch des Herrn geschrieben vom ersten embryonalen Herzschlag an. Wir fallen bei ihm durch kein Raster, Gott sei Dank!