11.02.2020
Besinnungsworte

Von Pfarrer Thomas Schumann, Evangelischer Klinikseelsorger im SRH-Zentralklinikum Suhl

Pfarrer Thomas Schumann

Seit letzter Woche ist die Lotterie voll im Gange: Der Pharmaziekonzern Novartis verlost über mehrere Monate insgesamt 100 Impfdosen für schwer erkrankte Babys. Die neuartige Gentherapie behebt die spinale Muskelatrophie - eine bei Babys tödlich verlaufende Erkrankung, bei denen Muskelzellen rapide abgebaut werden. Während herkömmliche Therapien mit anderen Mitteln mehrere schmerzhafte Eingriffe in den Wirbelkanal bedeuten, sieht es hier anders aus. Eine Spritze reicht. Der Konzern gibt einen Wert von 2 Millionen Euro pro Spritze an.

Kritiker bezeichnen dieses Verfahren als geschmacklos. Sie finden es unangemessen, nun Spritzen an bedürftige Babys zu verlosen und den Rest leer ausgehen zu lassen. Es sei so etwas wie eine Lebenslotterie. Das Los entscheidet: Dem einen wird geholfen, dem anderen nicht.

Das Leben ist nicht fair! Warum habe ich gerade das Glück, hier in Deutschland geboren zu sein, das einen sehr hohen Gesundheitsstandard hat - jemand anders aber nicht? Warum bin ich ein einem liebevollen und behüteten Elternhaus aufgewachsen - jemand anders aber nicht? In meinem persönlichen Lebenslotto habe ich da einen vergleichsweise guten Start ins Leben.

Vor einigen Tagen hat Ursula von der Leyen ihr Engagement in der Krebsforschung damit begründet, dass sie ihre Schwester in jungen Jahren an diese Krankheit verloren hatte. Sie wies darauf hin, dass selbst in Europa noch kein einheitlicher Zugang zu Therapie und Heilung vorhanden ist. Dass also auch hier sozusagen der Ort meiner Geburt über meine gesundheitliche Zukunft entscheidet.

Eine Möglichkeit, dem Lebenslotto etwas entgegen zu setzen ist die Menschlichkeit: Ich sehe da Jesus, der gezielt Menschen aufsucht, die Verlierer im Lebenslotto sind. Er sucht Menschen auf, die gemieden werden, weil sie nicht in die schöne und gerechte  Welt passen. Und gerade indem er diese Spannung wahr nimmt, hinschaut und mitfühlt, verändert er die Situation. Er nimmt den Verlierern des Lebenslotto die Scham und Einsamkeit. Er überwindet durch seine Zuneigung und Wertschätzung die Einsamkeit, die eine Erkrankung mit sich bringen kann. Er verleiht ihnen eine Stimme.

Mir fallen die Menschen ein, die sich ähnlich engagieren obwohl sie selbst nicht betroffen sind. Da denke ich an die Menschen, die im Eine-Welt-Laden sich um gerechtere Arbeitsbedingungen im Ausland bemühen.

Ich denke an die Menschen, die im Kriseninterventionsdienst den Menschen zur Seite stehen, die einen schwere Situation bewältigen müssen.

Ich denke an die Menschen, die für Sternchenkinder und Frühgeborene Strickwaren häkeln, die Mitgefühl und Liebe ausstrahlen.

Sicherlich: Solche Zuwendung bedeutet nicht, dass alles wieder gut wird. Aber sie tröstet, stärkt und lindert die seelische Not eines Menschen - auf dass es besser wird.

Und ich denke an Sie, liebe Leserin und Leser: Was tun Sie - auf dass es besser wird?